#1

Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 06.09.2012 13:05
von guy_inkognito | 102 Beiträge

Ich hatte vor einiger Zeit ein interessantes Gespräch mit einem Geschichtsstudenten.
Er ist zwar selbst nicht gläubig aber auch nicht antireligiös eingestellt. Seiner Meinung nach verdanken wir dem Christentum überhaupt erst den Aufstieg in die heutige Gesellschaft wie wir sie kennen.

Er war der Überzeugung das der traditionelle Glaube der einzelnen Völker den Fortschritt erheblich ausgebremst hätte.
Zu meiner Schande muss ich jedoch gestehen, das ein nicht unerheblicher Teil des Gesprächs in den untiefen der alkoholgetrübten Wahrnehmung versickert ist (ich komme ziemlich oft auf solche Themen wenn ich einen getrunken habe)

Ich konnte ihm in dieser Hinsicht allerdings nicht Recht geben. Kulturelle und religiöse Unterschiede sind meines Erachtens kein Grund dafür den Fortschritt aufzuhalten, passiv wie aktiv (Gegenbeispiele erwünscht).
Ob eine Vereinheitlichung auf dem Gebiet der Religion und der Kultur zu Fortschritt führen kann??? Wahrscheinlich schon.
Aber sehen wir uns einfach mal den Kalten Krieg an. Kommis gegen Präsidial-Demokraten, nicht unerhebliche religiöse wie kulturelle Differenzen, doch gerade diesem eifrigen Wettrüsten verdanken wir einen gewaltigen technologischen Fortschritt.

Ob sich das so einfach auf die Antike bzw. das Mittelalter ummünzen lässt? Gute Frage, geschichtlich bin ich nämlich nicht gerade überaus qualifiziert.

Hoffentlich kann jemand gute Beispiele für Pro und Contra geben, ich finde "Was wäre wenn" Szenarien überaus interessant.

grüße, der guy


So lange auf der Pizza steht, "Vor dem Erwärmen die Folie abziehen" ist die Menschheit dumm!

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#2

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 08.09.2012 17:31
von Daelach | 1.214 Beiträge

Ich halte seine These für völligen Humbug. Im gegenteil, dem Christentum verdanken wir 1000 dunkle Jahre Mittelalter, und es war doch wohl das Christentum, was die Wissenschaft massiv behindert hat, siehe Galilei.

Das antike Griechenland war wesentlich weiter. Man hatte den Erdumfang in etwa berechnet, man kannte die Dampfmaschine zumindest vom Prinzip her. Viel antikes Wissen ist DURCH das Christentum verlorengegangen und wurde wenigstens im Orient aufbewahrt. Traditioneller, den Fortschritt ausbremsender Glaube - das nannte sich Christentum und nicht Heidentum.

Strukturell liegt das daran, daß es im Polytheismus keinen Alleinwahrheitsanspruch und dementsprechend auch kein Dogma geben kann wie im Christentum.

Weitere Beispiele wären ja wohl Babylonien und das alte Ägypten, die auch ohne Christentum zur Hochkultur gworden sind.


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#3

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 12.09.2012 21:23
von RAFA | 1.182 Beiträge

Bezeichnend finde ich, dass im Orient damals die Wissenschaft erhalten und gepflegt wurde, obwohl die etwas nicht recht viel Besseres als das Christentum haben, nämlich den Islam. Bezeichnend finde ich auch, dass sie heute immer noch denselben Islam haben, aber völlig in die Verblödung verfallen sind.

Es liegt also NICHT an der Religion, wie fortschrittlich Menschen sind, sondern an irgendetwas anderem, aus dem heraus sie natürlich auch ihre jeweilige Religion pervertieren.

Ich halte es daher für falsch, den Fehler bei der Religion zu suchen, weil er dort definitiv nicht IST.


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#4

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 13.09.2012 01:37
von Demogorgon | 226 Beiträge

Zitat von RAFA im Beitrag #3
Bezeichnend finde ich, dass im Orient damals die Wissenschaft erhalten und gepflegt wurde, obwohl die etwas nicht recht viel Besseres als das Christentum haben, nämlich den Islam. Bezeichnend finde ich auch, dass sie heute immer noch denselben Islam haben, aber völlig in die Verblödung verfallen sind.
...
Ich halte es daher für falsch, den Fehler bei der Religion zu suchen, weil er dort definitiv nicht IST.


Das liest sich für mich sehr überzeugend.

Zitat von RAFA im Beitrag #3
Es liegt also NICHT an der Religion, wie fortschrittlich Menschen sind, sondern an irgendetwas anderem, aus dem heraus sie natürlich auch ihre jeweilige Religion pervertieren.


Ok, aber woran? Was könnte das sein?

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#5

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 13.09.2012 21:24
von Daelach | 1.214 Beiträge

Organisierte Religion wirkt grundsätzlich reaktionär, das ist schließlich ihr sozialer Zweck. Der Grund für den Wechsel von Magie zu Religion ist der, daß Religion einen Sozialverband stabilisieren kann, der nicht mehr durch reine Blutsbande zusammenzuhalten ist. Genau diese Stabilisierung ist dann natürlich jeder Änderung entgegengerichtet, das liegt in ihrem Wesen.

Deswegen hat die jeweils herrschende Klasse natürlich ein Interesse an Religion. Sie wird sie gegen alles einsetzen, was ihre (die der herrschenden Klasse) Herrschaft bedrohen könnte. Umgedreht aber wird sie die Religion auch für alles gebrauchen, was ihrer Herrschaft förderlich ist.

In Europa waren aufgrund der zersplitterten politischen Verhältnisse nach dem Zerfall des römischen Reiches über Jahrhunderte Kriege angesagt. Dabei hatte natürlich der einen Vorteil, der die moderneren Waffen hatte. Als prägnantes Beispiel nehme ich mal die Armbrust. Sie hat den Nachteil der geringeren Schußfrequenz gegenüber dem Bogen, was aber mehr als wettgemacht wird dadurch, daß der Schütze viel weniger Übung braucht. Auch ist die Durchschlagskraft viel höher. Mit einer Armbrust konnte mal einen gepanzerten Ritter vom Pferd nageln.

Das gefährdete natürlich die soziale Ordnung, weil Ritter damit überflüssig wurden. Wie nicht anders zu erwarten, versuchte man über den Umweg der Religion, sie zum reaktionären Zwecke zu nutzen, deswegen hat der Papst die Armbrust verboten. Allerdings hielten sich die nicht daran, die den militärischen Vorteil sahen, und natürlich konnten die Ritter das nicht gewaltsam durchsetzen, weil diese Waffe ja gerade ihre Panzerung aufhob.

Erst recht, als dann auch noch Schußwaffen entwickelt wurden, und insbesondere Kanonen, die den Vorteil großer Burgen aufhoben, was für den Angreifer ein wesentlicher Fortschritt war. Der technische Fortschritt war dann letztlich auch der Motor für Wissenschaften, denn wer die bessere Technik hatte, der konnte die besseren Waffen bauen, das ist nicht anders als heute. Diejenigen Herrscher, die sich dem verweigert hätten, wären militärisch weggefegt worden von denen, die da fortschrittlicher waren. Man hatte also die paradoxe Situation, daß Fortschritt zur Notwendigkeit wurde, wollte man, daß herrschaftsmäßig alles beim Alten bleibt.

Ein wesentlicher Grund in Europa für den Fortschritt war also nicht etwa das Christentum, sondern die zersplitterte politische Situation, die zu jahrhundertelangen militärischen Konflikten führte.

Hätte sich das auch ohne Christentum so entwickelt? Wahrscheinlich schon, denn die germanischen Stämme haben früher ja auch Kriege untereinander geführt. Genauso, wie christliche Herrscher einander auch bekriegt haben, ohne sich durch die gleiche Religion daran hindern zu lassen.


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#6

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 14.09.2012 14:12
von RAFA | 1.182 Beiträge

Zitat
Ok, aber woran? Was könnte das sein?


Es gibt ja sowohl unter Christen als auch unter Mmoslems, solche und solche - also welche, die ihre Religion relativ vernünftig ausleben und andere, die sie benutzen, um ihr erweitertes Ich (aka "Gott") zu polieren.

Diese seltsame Art des Narzissmus, bei der man das Selbst leugnet und alle Aspekte dieses Selbsts auf eine Figur "Gott" projiziert, die man dann anbetet und über die Maßen in den Himmel hebt, hat auch einen Suchtcharakter: Die Betroffenen werden nicht satt, immer größeren Reibach um ihren religiösen Krimskrams zu machen bis sie sogar Krieg darum führen oder Selbstmordanschläge.

Ich denke, so etwas fängt mit einer Realitäts-Enttäuschung an: die Welt oder die anderen Menschen gefallen einem nicht. Das liegt am Selbst, denn die Welt ist wunderschön - kommt nur drauf an, wer man selbst darin ist. Als Loser, Bettler und Depp, als Hässlicher, Alter, Ausgestoßener, mei, ja da tät mir die Welt auch nicht mehr gefallen.

Die Flucht in die Religion und die Pervertierung der Religion tritt also besonders dort ein, wo die Leute arm sind, benachteiligt oder ausgebeutet. Das ist momentan in der islamischen Welt ganz klar der Fall!

Es würde also folgendes helfen: mehr Bildung, mehr Wohlstand, mehr Aufmerksamkeit.

Das sind aber genau die Dinge, um die sich alle Leute reißen und was keiner freiwillig abtritt, besonders die Aufmerksamkeit. Schade, denn mit der solchen könnte man das Ich der Betroffenen wieder stärken, so dass sie das Gekreische nach ihrem hochpolierten Ich-Ersatz "Gott" nicht nötig hätten. Aber klar: ICH hab auch keinen Bock, das enttäuschte Selbst irgendwelcher Loser zu pimpen. Mir wärs auch lieber, die täten einfach sang- und klanglos unter gehen.


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#7

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 15.09.2012 21:18
von Demogorgon | 226 Beiträge

Zitat von RAFA
Es würde also folgendes helfen: mehr Bildung, mehr Wohlstand, mehr Aufmerksamkeit.



Das ist allerdings mit Sicherheit nicht die Lösung bzw. paßt nicht zu der Frage. Ausgangspunkt war ja Deine Beobachtung, daß im Orient die Wissenschaft gepflegt wurde, obwohl der Islam vorherrschte. Damals waren die Leute aber noch ärmer und ungebildeter als heute und trotzdem gab es eine Oberschicht, die die Wissenschaft pflegte. Somit können Bildung und Wohlstand alleine noch nicht ausschlaggebend sein.

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#8

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 15.09.2012 22:26
von RAFA | 1.182 Beiträge

Das stimmt auch wieder.

Unweigerlich fällt mir da das 3. Reich ein: Die Deutschen waren damals technisch eigentlich auch nicht schlecht drauf, also die Bildung und Fortschritt hat schon gepasst. Ok, es war große Armut und Arbeitslosigkeit.... Wenns dem Volk nicht gut geht, ist es empfänglich für hetzerische, idealistische Ideen von Übermenschen und Auserwähltheit.

Ich glaub auch, es hat enorm mit Stolz und Kollektiv-Ego zu tun.


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#9

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 15.09.2012 23:48
von Demogorgon | 226 Beiträge

@ guy_inkognito

Ich möchte auf Deine Ausgangsfrage zurückkommen.

Das Christentum hat den Fortschritt nicht befördert, sondern erheblich ausgebremst, wie Daelach bereits treffend beschrieben hat.

Ich kopiere an dieser Stelle mal einen längeren Absatz aus Nietzsches "Antichrist" herein, in dem das sehr eindrücklich deutlich gemacht wird. Es sind die Kapitel 58 und 59 dieses sehr lesenswerten Buches, nachzulesen hier: http://home.rhein-zeitung.de/~ahipler/kritik/antichr5.htm

In der Tat, es macht einen Unterschied, zu welchem Zweck man lügt: ob man damit erhält oder zerstört. Man darf zwischen Christ und Anarchist eine vollkommne Gleichung aufstellen: ihr Zweck, ihr Instinkt geht nur auf Zerstörung. Den Beweis für diesen Satz hat man aus der Geschichte nur abzulesen: sie enthält ihn in entsetzlicher Deutlichkeit. Lernten wir eben eine religiöse Gesetzgebung kennen, deren Zweck war, die oberste Bedingung dafür, daß das Leben gedeiht, eine große Organisation der Gesellschaft zu "verewigen", - das Christentum hat seine Mission darin gefunden, mit eben einer solchen Organisation, weil in ihr das Leben gedieh, ein Ende zu machen. Dort sollte der Vernunft-Ertrag von langen Zeiten des Experiments und der Unsicherheit zum fernsten Nutzen angelegt und die Ernte so groß, so reichlich, so vollständig wie möglich heimgebracht werden: hier wurde, umgekehrt, über Nacht die Ernte vergiftet ... Das, was aere perennius dastand, das imperium Romanum, die großartigste Organisations-Form unter schwierigen Bedingungen, die bisher erreicht worden ist, im Vergleich zu der alles Vorher, alles Nachher Stückwerk, Stümperei, Dilettantismus ist, - jene heiligen Anarchisten haben sich eine "Frömmigkeit" daraus gemacht, "die Welt", das heißt das imperium Romanum zu zerstören, bis kein Stein auf dem andern blieb, - bis selbst Germanen und andre Rüpel darüber Herr werden konnten ... Der Christ und der Anarchist: beide décadents, beide unfähig, anders als auflösend, vergiftend, verkümmernd, blutaussaugend zu wirken, beide der Instinkt des Todhasses gegen alles, was steht, was groß dasteht, was Dauer hat, was dem Leben Zukunft verspricht ... Das Christentum war der Vampir des imperium Romanum, - es hat die ungeheure Tat der Römer, den Boden für eine große Kultur zu gewinnen, die Zeit hat, über Nacht ungetan gemacht. - Versteht man es immer noch nicht? Das imperium Romanum, das wir kennen, das uns die Geschichte der römischen Provinz immer besser kennen lehrt, dies bewunderungswürdigste Kunstwerk des großen Stils, war ein Anfang, sein Bau berechnet, sich mit Jahrtausenden zu beweisen, - es ist bis heute nie so gebaut, nie auch nur geträumt worden, in gleichem Maße sub specie aeterni zu bauen! - Diese Organisation war fest genug, schlechte Kaiser auszuhalten: der Zufall von Personen darf nichts in solchen Dingen zu tun haben, - erstes Prinzip aller großen Architektur. Aber sie war nicht fest genug gegen die korrupteste Art Korruption, gegen den Christen ... Dies heimliche Gewürm, das sich in Nacht, Nebel und Zweideutigkeit an alle einzelnen heranschlich und jedem einzelnen den Ernst für wahre Dinge, den Instinkt überhaupt für Realitäten aussog, diese feige, femininische und zuckersüße Bande hat Schritt für Schritt die "Seelen" diesem ungeheuren Bau entfremdet, - jene wertvollen, jene männlich-vornehmen Naturen, die in der Sache Roms ihre eigne Sache, ihren eignen Ernst, ihren eignen Stolz empfanden. Die Mucker-Schleicherei, die Konventikel-Heimlichkeit, düstere Begriffe wie Hölle, wie Opfer des Unschuldigen, wie unio mystica im Bluttrinken, vor allem das langsam aufgeschürte Feuer der Rache, der Tschandala-Rache - das wurde Herr über Rom, dieselbe Art von Religion, der in ihrer Präexistenz-Form schon Epikur den Krieg gemacht hatte. Man lese Lucrez, um zu begreifen, was Epikur bekämpft hat, nicht das Heidentum, sondern "das Christentum", will sagen die Verderbnis der Seelen durch den Schuld-, durch den Straf- und Unsterblichkeitsbegriff. - Er bekämpfte die unterirdischen Kulte, das glatte latente Christentum, - die Unsterblichkeit zu leugnen war damals schon eine wirkliche Erlösung. - Und Epikur hätte gesiegt, jeder achtbare Geist im römischen Reich war Epikureer: da erschien Paulus ... Paulus, der Fleisch-, der Genie-gewordne Tschandala-Haß gegen Rom, gegen "die Welt", der Jude, der ewige Jude par excellence ... Was er erriet, das war, wie man mit Hilfe der kleinen sektiererischen Christenbewegung abseits des Judentums einen "Weltbrand" entzünden könne, wie man mit dem Symbol "Gott am Kreuze" alles Unten-Liegende, alles Heimlich-Aufrührerische, die ganze Erbschaft anarchistischer Umtriebe im Reich, zu einer ungeheuren Macht aufsummieren könne. "Das Heil kommt von den Juden". - Das Christentum als Formel, um die unterirdischen Kulte aller Art, die des Osiris, der großen Mutter, des Mithras zum Beispiel, zu überbieten - und zu summieren: in dieser Einsicht besteht das Genie des Paulus. Sein Instinkt war darin so sicher, daß er die Vorstellungen, mit denen jene Tschandala-Religionen fascinierten, mit schonungsloser Gewalttätigkeit an der Wahrheit dem "Heilande" seiner Erfindung in den Mund legte, und nicht nur in den Mund - daß er aus ihm etwas machte, das auch ein Mithras-Priester verstehn konnte ... Dies war sein Augenblick von Damaskus: er begriff, daß er den Unsterblichkeits-Glauben nötig hatte, um "die Welt" zu entwerten, daß der Begriff "Hölle" über Rom noch Herr wird, - daß man mit dem "Jenseits" das Leben tötet ... Nihilist und Christ: das reimt sich, das reimt sich nicht bloß ...
59
Die ganze Arbeit der antiken Welt umsonst: ich habe kein Wort dafür, das mein Gefühl über etwas so Ungeheures ausdrückt. - Und in Anbetracht, daß ihre Arbeit eine Vorarbeit war, daß eben erst der Unterbau zu einer Arbeit von Jahrtausenden mit granitnem Selbstbewußtsein gelegt war, der ganze Sinn der antiken Welt umsonst! ... Wozu Griechen? wozu Römer? - Alle Voraussetzungen zu einer gelehrten Kultur, alle wissenschaftlichen Mehoden waren bereits da, man hatte die große, die unvergleichliche Kunst, gut zu lesen, bereits festgestellt - diese Voraussetzung zur Tradition der Kultur, zur Einheit der Wissenschaft; die Naturwissenschaft, im Bunde mit Mathematik und Mechanik, war auf dem allerbesten Wege, - der Tatsachen-Sinn, der letzte und wertvollste aller Sinne, hatte seine Schulen, seine bereits Jahrhunderte alte Tradition! Versteht man das? Alles Wesentliche war gefunden, um an die Arbeit gehn zu können: - die Methoden, man muß es zehnmal sagen, sind das Wesentliche, auch das Schwierigste, auch Das, was am längsten die Gewohnheiten und Faulheiten gegen sich hat. Was wir heute, mit unsäglicher Selbstbezwingung - denn wir haben alle die schlechten Instinkte, die christlichen, irgendwie noch im Leibe - uns zurückerobert haben, den freien Blick vor der Realität, die vorsichtige Hand, die Geduld und den Ernst im Kleinsten, die ganze Rechtschaffenheit der Erkenntnis - sie war bereits da! vor mehr als zwei Jahrtausenden bereits! Und, dazu gerechnet, der gute, der feine Takt und Geschmack! Nicht als Gehirn-Dressur! Nicht als "deutsche" Bildung mit Rüpel-Manieren! Sondern als Leib, als Gebärde, als Instinkt, - als Realität mit Einem Wort ... Alles umsonst! Über Nacht bloß noch eine Erinnerung! - Griechen! Römer! die Vornehmheit des Instinkts, der Geschmack, die methodische Forschung, das Genie der Organisation und Verwaltung, der Glaube, der Wille zur Menschen-Zukunft, das große Ja zu allen Dingen als imperium Romanum sichtbar, für alle Sinne sichtbar, der große Stil nicht mehr bloß Kunst, sondern Realität, Wahrheit, Leben geworden ... - Und nicht durch ein Natur-Ereignis über Nacht verschüttet! Nicht durch Germanen und andre Schwerfüßler niedergetreten! Sondern von listigen, heimlichen, unsichtbaren, blutarmen Vampiren zuschanden gemacht! Nicht besiegt, - nur ausgesogen! ... Die versteckte Rachsucht, der kleine Neid Herr geworden! Alles Erbärmliche, An-sich-Leidende, Von-schlechten-Gefühlen-Heimgesuchte, die ganze Getto-Welt der Seele mit einem Male obenauf! -- Man lese nur irgend einen christlichen Agitator, den heiligen Augustin zum Beispiel, um zu begreifen, um zu riechen, was für unsaubere Gesellen damit obenauf gekommen sind. Man würde sich ganz und gar betrügen, wenn man irgendwelchen Mangel an Verstand bei den Führern der christlichen Bewegung voraussetzte: - o sie sind klug, klug bis zur Heiligkeit, diese Herrn Kirchenväter! Was ihnen abgeht, ist etwas ganz anderes. Die Natur hat sie vernachlässigt, - sie vergaß, ihnen eine bescheidne Mitgift von achtbaren, von anständigen, von reinlichen Instinkten mitzugeben ...

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#10

RE: Europa unter heidnischer Führung - wie sieht das wohl aus?

in allgemeine, religiöse Themen 16.09.2012 14:33
von Daelach | 1.214 Beiträge

Zum Antichristen-Argument nochwas.. wenn wir dieser Argumentation mal folgen, WARUM konnte denn das erfolgreich sein? Offensichtlich doch wohl deswegen, weil das Imperium Romanum gerade NICHT auf Jahrtausende ausgelegt war! Der Grund lag doch wohl darin, daß man die Massen NICHT zufriedenstellte. Man kann auf Dauer kein System aufziehen, bei dem die Mehrheit nicht zum eigenen egoistischen Vorteil freiwillig mitmacht. Eine stabile Architektur wird nur dann daraus, wenn der normale Egoismus jedes Einzelnen zur Stabilisierung beiträgt, weil ein Umsturz zu seinem Nachteil wäre.

Genau hierin hat das Imperium Romanum versagt. Und zwar zwangsläufig, weil es wirtschaftlich gesehen nur solange stabil war, wie es expandieren konnte. Beispielsweise wurden Legionäre damit geködert, daß sie nach ihrem Dienst eigenes Land bekamen. In zu erobernden Gebieten. Das geht aber nur, indem man auch neue Gebiete erobert - und dann auch hält. Was wiederum nur dann geht, wenn man entweder immer größere Ressourcen in die Besatzung steckt, was wirtschaftlich aber unproduktiv ist und wie jeder überblähte Militärhaushalt auf Dauer zum Kollaps führen muß (siehe UdSSR, siehe heutige USA). Oder indem man den besetzten Gebieten etwas bietet, dessentwegen sie diesen Zustand freiwillig akzeptieren.

Letzteres gab es aber nicht, denn die Statthalter mußten Rom eine feste Summe zahlen und dann zusehen, wie sie die Gebiete soweit auspressen, daß sie dabei auf nen guten Schnitt kamen. Die wirtschaftliche Macht Roms basierte damit immer weniger auf dem, was Rom selber noch herstellte und immer mehr darauf, was andere für Rom taten. Rom wurde also zur aussaugenden Spinne des Imperiums. Deswegen hatten immer breitere Gebiete gar kein eigenes Interesse mehr an Rom. Weil es unattraktiv ist, Rom Realgüter zu liefern und als Gegenleistung bloß Besatzungssoldaten zu bekommen.

Rom hat damit genau den Zustand, indem die unzufriedenen Verlierer dem Christentum in die Arme fielen, selber erst hergestellt, INDEM es diese Massen produziert hat! Und wäre es nicht das Christentum gewesen, dann irgendwas anderes. Da die Arbeitsleistung fast nur noch an Sklaven hing, die an diesem System gar kein eigenes Interesse haben konnten, und auch das Militär letztlich genauso funktionierte, war es nicht die Dekadenz des Pöbels, sondern die maßlose Gier der Oberschicht, die dieses System zu Fall gebracht hatte. Das wurde übrigens in der Spätzeit Roms auch von römischen Politikern immer wieder angeprangert, daß Rom nicht mehr so war wie zu seinen früheren Zeiten.

Wenn man nicht will, daß eine frustrierte Masse das System letztlich über den Haufen wirft, darf man eben keine frustrierte Masse entstehen lassen. Henry Ford hat das kapiert und genau deswegen seine Arbeiter gut bezahlt. Damit sie die Produkte kaufen konnten, die sie selber herstellten, und damit motiviert wurden, so weiterzumachen.


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