#1

Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 31.10.2012 00:07
von Daelach | 1.211 Beiträge

Nietzsche hat die Ansicht vertreten, daß die Verlierer der weltlichen Ordnung ewiges Leben im Jenseits und ihre eigene dortige Belohnung propagiert hätten aus Frust darüber, daß sie in dieser Welt nicht zustande gebracht hätten - Sklavenmoral also. Nietzsche meinte außerdem, daß regelmäßig der Kulturschaffende gerade die Ausnahme sei, während die Sklavenmasse dies nicht tue.

Ich sehe also hier bereits einen Widerspruch in seiner Linie: Wenn die Sklavenmenschen eben in dieser Welt nicht zu sagen haben (das MACHT sie zu Sklaven!), wie kann es dann angehen, daß sie die Realität in dieser Welt so sehr gestalten können, wie sie es angeblich mit dem Christentum getan habe? Und wenn sie die Verhältnisse so gestalten konnten, während die vermeintlichen Herrenmenschen (Achtung: nicht Nazi-Kontext) diesen Kampf verloren haben - ja wenn ein Herr nicht herrschen kann, sondern beherrscht wird, dann ist ER doch wohl der Sklave?

Wie so häufig argumentiert Nietzsche in der Gesamtperspektive gesehen durchaus inkonsistent, denn im Antichristen vertritt er die den bisherigen Ausführungen völlig widersprechende Priesterbetrugstheorie. Deren Plot lautet im Kern so, daß das Christentum keineswegs VON den Sklaven, sondern FÜR die Sklaven eingeführt wurde, nämlich um sie noch besser beherrschen zu können. Ist ja auch logisch, denn wer im Jenseits auf das Paradies setzt, macht im Diesseits keine Revolution. Strukturell durchaus Ähnliches spielt sich im indischen Buddhismus ab, wo das Los der Armen als Folge (nicht: Strafe!) vergangener, schlechter geführter Leben gedeutet werde, und Reichtum als Folge guter Leben. Wieder nimmt man den Verlierern des status quo unter Verweis auf jenseitige Welten den Willen zur Veränderung des status quo.

Das würde bedeuten: Das Christentum (stellvertretend für den Rest ähnlicher Wirkmechanismen) wurde und wird als Herrschaftsinstrument benutzt, denn die Herrschenden selber glauben natürlich nicht daran, was man ihrer Lebensführung deutlich anmerkt. Wer als Christ reich ist, zeigt schon deutlich, an was er glaubt und vor allem nicht glaubt. Insbesondere mag Nietzsche ja ausführen, daß man mit der Moral versuche, denen, die mehr Erfolg hatten, einen Rachestachel einzupieken - nur daß dieser Stachel diejenigen, die er stechen soll, gar nicht juckt.

Deswegen sagte Marx völlig korrekt, Religion sei Opium des Volkes. Weil sie das Volk vollkommen sinnfreie Fragen stellen läßt, und darüber verhindert, daß es wesentlich zweckmäßigere stellt. Beim Lotto wundert sich niemand, wieso nur einer gewinnt und 14 Mio nicht. In einer Feudalherrschaft, wo der pure Zufall der Geburt (wenn wir mit Nietzsche jenseitige Welten zurückweisen) entscheidet, ob man zu den 10% gehört, die davon profitieren, oder zu den 90%, die es nicht tun, ist es dasselbe, aber da die Teilnahme der 90%, anders als die der 14 Mio beim Lotto, unfreiwillig ist, sollen sie nicht über die Spielregeln diskutieren. Sowas wie das Christentum hat das über viele Jahrhunderte sichergestellt.

Worüber genau beschwert sich Nietzsche also eigentlich? Über ein Herrschaftsinstrument, das im Sinne der Herrschenden prächtig funktioniert? Weil er selber nun gerade mal nicht wirklich zu ihrer Klasse gehörte? Dann sollte man sich nicht über das Instrument aufregen, sondern vielmehr über die zugrundeliegenden Systemdynamiken, zu deren Erhalt dieses Instrument überhaupt erst eingesetzt wird.

Das tut Nietzsche denn auch, denn hier kommt der Übermensch ins Spiel: Nicht fort sollt Ihr Euch pflanzen, sondern hinauf! Wenn es nur genug solcher Übermenschen gäbe, dann wäre die Gesellschaft automatisch eine andere, etwa meritokratisch, als Gegensatz zur Décadence. Also ist die Idee, das Kollektiv über die Individuen zu ändern - der einzelne Mensch prägt das Kollektiv. Im Gegensatz zu Marx, der erst das Kollektiv ändern wollte, weil das Kollektiv den Einzelnen prägt.

Wahrscheinlich haben beide recht, und die Kausalität geht in beide Richtungen. Weswegen es weder mit Marx noch mit Nietzsche klappen wird, da was zu ändern, sondern man müßte das schon zusammenführen, wollte man merklich andere Verhältnisse.

So.. das mal einfach so als einige Betrachtungen zum Abend. Ergänzungen, Einwände usw., immer her damit.


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#2

RE: Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 31.10.2012 11:36
von Xarvic | 533 Beiträge

Muss ich noch mal den Link zu der Alphabethisierungskampagne hier reinstellen?

Nein, Nietzsche schrieb im Zarathustra und auch Ecce Homo, dass die Moral, die Anderswelt, die Hinterwelt lebensfeindlich sei, nicht dass sie machtlos sei. Der Mensch als Kamel ist immer noch eine sehr reale, wirkende und insofern "mächtige" Instanz, allerdings ist er nicht frei. Frei wovon, frei wozu. Der Christ sehnt sich nach dem Tod, weil er es mit sich selbst nicht aushält. Inwiefern das seine Wirkung nach außen limitiert, ist nicht zu pauschalisieren, jedoch ist offensichtlich, was Nietzsche vor diesem Hintergrund meinte. Wäre ein christlich geprägter Mensch durch diese Prägung automatisch entmachtet, hätte Nietzsche wohl nie die Feder in die Hand nehmen müssen.

Der Bezug zum indischen Kulturraum ist so nicht korrekt. Es sind, in diesem Sinne, keine jenseitigen Vorstellungen, sondern vorhergegangene diesseitige. Auch gibt es diese Unterscheidung von gut und schlecht in der südostasiatischen Mentalität nicht so ausgeprägt, Mönche z.B. leben sehr asketisch und sind keinesfalls reich (Dalai Lama und co. mal ausgelassen) und führen doch ein nobles Leben. Ich müsste mir den Antichristen noch einmal zu Gemüte führen, um deine Argumentation nachvollziehen zu können.

Nietzsche war misanthroper Philanthrop. Er beschwert sich über die holistische Degeneration des Menschengeschlechtes, um das verschenkte Potenzial und die Folgen, die das u.a. auch für ihn persönlich hatte. Die Moral korrumpiert den Menschen im Kern, lässt ihn an künstliche, fremde Werte glauben, sein "Ich" verlieren, nimmt ihm seine persönliche Freiheit, sich zu entfalten und zu wachsen. Das ist nun auch wirklich nicht so schwer zu verstehen, wird ja an diversen Stellen in fast allen seiner Werke wiederholt.

Zitat
Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben ...


uɐɯ puıןq ɐ ɹɐǝɥ uɐɔ ǝuoou

Zitat von Me in Asshology
Omg, ich verwirre wieder dumme Menschen

zuletzt bearbeitet 31.10.2012 11:37 | nach oben springen

#3

RE: Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 31.10.2012 18:36
von Daelach | 1.211 Beiträge

Zitat
Muss ich noch mal den Link zu der Alphabethisierungskampagne hier reinstellen?



Sofern Du ihn vorher auch liest, gerne.^^

Ich beschränke mich bei den Literaturaufgaben auf den Antichristen und geb mal einfach nur die Kapitel an, auf die ich mich jeweils beziehe. Hätte ich besser eh machen sollen, war ich gestern aber zu faul zu.

Zitat
Nein, Nietzsche schrieb im Zarathustra und auch Ecce Homo, dass die Moral, die Anderswelt, die Hinterwelt lebensfeindlich sei, nicht dass sie machtlos sei.



Ich schrieb ja uch nicht, daß die Moral machtlos sei, sondern die, die einen Grund haben, sich zu so einer Moral hingezogen zu fühlen. (Kap. 15, die letzten Sätze). Und das sind regelmäßig diejenigen, die innerhalb DIESER Welt keinen Erfolg haben (*), weswegen für sie eine Jenseitswelt attraktiv wird.

(*) Daß das auch an den Verhältnissen liegt und die Reduktion auf individuelle Unfähigkeit zu simpel ist, habe ich im Ausgangsposting ja angerissen.

Zitat
Wäre ein christlich geprägter Mensch durch diese Prägung automatisch entmachtet, hätte Nietzsche wohl nie die Feder in die Hand nehmen müssen.



Volltreffer, genau dieses Paradoxon wollte ich ansprechen. Und eine Lösung des Paradoxons habe ich ja angerissen, Stichwort Priesterbetrugstheorie (Kap. ^26, ab der Mitte).

Wobei IMO in diesem Punkt Marx die schärfere Analyse bietet, mit dem "Opium des Volkes". Nietzsche macht im Antichristen eigentlich praktisch alle notwendigen Vorschritte, kommt aber nicht zu diesem deutlichen Ergebnis, das Christentum als Herrschaftsinstrument zu betrachten. Dabei liegt das doch nahe, weil Pfaffen und Fürsten immer gut miteinander konnten.

An dieser Stelle greift Nietzsche übrigens in seiner Analyse auch leicht daneben, was die Christianisierung des Nordens betrifft, die seiner Meinung nach nie hätte passieren dürfen. Lag aber möglicherweise daran, daß die Historiker seitdem viel mehr wissen als zu seiner Zeit, denn es gab sehr gute Gründe, die in weltlicher Macht lagen, ganz besonders in Skandinavien (mit dem geschichtlichen Hintergrund auch solcher Phänomen befasse ich mich im Rahmen meines Runeninteresses).

Zitat
Der Bezug zum indischen Kulturraum ist so nicht korrekt. Es sind, in diesem Sinne, keine jenseitigen Vorstellungen, sondern vorhergegangene diesseitige.



Was aber für die Argumentation, die Nietzsche da bringt, auch keinen Unterschied macht, denn die Behauptungen über die Ursachen des status quo sind ebensowenig nachprüfbar wie die Teleologie. Die Ergebnisse im Diesseits sind denn auch ähnlich.

Zitat
Auch gibt es diese Unterscheidung von gut und schlecht in der südostasiatischen Mentalität nicht so ausgeprägt



Ja, deswegen habe ich da deutlich zwischen Folge und Strafe entschieden - letzteres gibt es im Buddhismus nicht, das ist westliches Schulddenken, das im Westen oft auf den Buddhismus projiziert wird. Leute wurden christlich geprägt und betrachten Buddhismus durch die christliche Brille, dabei kommt dann sowas raus. Übrigens auch in der "schwarzen" Ecke, die eigentlich mit ihrem westlichen LHP-Verständnis nahezu samt und sonders auf die christlich verzerrten Perspektiven der Blavatsky fußt, nur mit inverser Wertung.

Zitat
Mönche z.B. leben sehr asketisch und sind keinesfalls reich



Die Mönche schon, aber in der indischen Gesellschaft sieht es anders aus. Den Armen trichtert man ein, sie seien aufgrund vergangener schlechter Leben arm, und das Drollige ist, die glauben das auch noch. Die Reichen hingegen genießen ihren "wohlverdienten" Reichtum, selbst wenn alles, was sie für ihn getan haben, nur "Sohn sein" ist.

Zitat
(Dalai Lama und co. mal ausgelassen)



Deswegen bezog ich das auch nur auf Indien. Tibetanischer Buddhismus ist ein völlig anderer Film, weißte ja selber eh. Kurze Zwischenfrage, was hältst Du von dem Buch der Trimondis "Hitler, Buddha, Krischna"? Seriös, tendenziös (aber mit vielen lesenswerten Fakten) oder ausgemachter Schwachsinn?

Zitat
Nietzsche war misanthroper Philanthrop.



Ja, so in der Art sehe ich das auch. Ich denke, daß er den Menschen liebte, aber nicht so und nicht dafür, wie er ist, sondern so und dafür, wie er das Potential hat zu sein. Paßt auch zur "Fernstenliebe", die er im Antichristen erwähnt.

Zitat
nimmt ihm seine persönliche Freiheit, sich zu entfalten und zu wachsen. Das ist nun auch wirklich nicht so schwer zu verstehen, wird ja an diversen Stellen in fast allen seiner Werke wiederholt.



Er übersieht dabei leider die ganz realen Gründe dafür. Die, die vom status quo profitieren, haben keinerlei Interesse daran, daß die Menschen wachsen. Weil sie dann nicht mehr so einfach beherrschbar wären. Die herrschenden Gedanken sind eben die Gedanken der Herrschenden.

Zitat
Dergleichen gelangt nur zu den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben ...



Was aber eben auch bedeutet, daß genau der status quo, den er kritisiert hat, auch DESWEGEN fortdauert. Und indem er nur zu den Wenigen sprach, mußte ihm das auch klar sein. Dann aber kann er sich nicht eben darüber beschweren.


~ a star is nothingness disguised as light ~

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#4

RE: Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 31.10.2012 19:51
von Xarvic | 533 Beiträge

Zitat
Ich schrieb ja uch nicht, daß die Moral machtlos sei, sondern die, die einen Grund haben, sich zu so einer Moral hingezogen zu fühlen.



Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber die Moral manifestiert sich für mich letztlich nur in den Menschen. Eine Idealisierung der Moral als metaphysisch substanzielle Konstante oder Variable (wie mit den gesellschaftlichen Werten) würde ich daher strinkt ablehnen. Insofern:

Zitat
Volltreffer, genau dieses Paradoxon wollte ich ansprechen.



Sehe ich da kein Paradoxon, denn es wird ja lediglich gesagt, dass es sich um einen trügerischen Umweg handelt, nicht leben zu müssen und doch nach Leben zu verlangen (vgl. Ecce Homo "der Schmarotzer, der nicht liebt und doch von Liebe leben will). Es ist eine Art masochistische Perversion, die sich bis in das tiefste Wurzelwerk der menschlichen Psyche hineingearbeitet hat. Dass dies massive, auch machtbasierte, Auswirkungen hat, sehe ich nicht als Widerspruch zu der Tatsache an, dass nur Ignoranten ("Irrtum, der Glaube ans Ideal, ist nicht Blindheit, Irrtum ist Feigheit"), sprich Feiglinge, diesen Umweg wählen.

Zitat
das Christentum als Herrschaftsinstrument zu betrachten.



Ich verstehe deine Enttäuschung nicht, dass Nietzsche das Christentum nicht als funktionales Instrument erkannt haben will. Seinen Schriften zugrunde liegt die tiefgehende Erkenntnis, dass das Christentum verdirbt und krank macht, was der menschlichen Natur zuwider ist. Nietzsches Übermensch, welcher aus dieser Natur heraus lebt, braucht gar keine christlichen "Machtmittelchen", um Übermensch zu sein. So ein Machtgebrauch oder Missbrauch würde den Übermenschen nur behindern.

Dass bei der Christianisierung Skandinaviens vor allem politische Absichten im Vordergrund standen, ist mir auch klar. Das ändert aber leider nichts daran, dass die Mentalität nach und nach Fuß gefasst hat. Sofern ich mich recht entsinne, war es Olaf I. der Einigkeit in Norwegen schaffen wollte, ohne jedes Gebiet einzeln dazu motivieren zu müssen. Daher die Zwangsmissionierung.

Zitat
Ja, deswegen habe ich da deutlich zwischen Folge und Strafe entschieden - letzteres gibt es im Buddhismus nicht



Strafe gibt es durchaus, nur stellt das keine Notwendigkeit zum Leiden dar, welches im Buddhismus behandelt wird.

Zitat
Die Mönche schon, aber in der indischen Gesellschaft sieht es anders aus. Den Armen trichtert man ein, sie seien aufgrund vergangener schlechter Leben arm, und das Drollige ist, die glauben das auch noch. Die Reichen hingegen genießen ihren "wohlverdienten" Reichtum, selbst wenn alles, was sie für ihn getan haben, nur "Sohn sein" ist.



Da wäre dann ein genauerer Blick auf das Kastensystem interessant, das ist im Grunde nämlich nichts anderes, als eine Eugenikagenda (die Hitler nebst dem Swastika und diversen Inhalten der Veden übrigens auch übernommen hat).

Zitat
Kurze Zwischenfrage, was hältst Du von dem Buch der Trimondis "Hitler, Buddha, Krischna"? Seriös, tendenziös (aber mit vielen lesenswerten Fakten) oder ausgemachter Schwachsinn?



Habe bis dato nur Rezensionen zu dem Buch gelesen. Soweit ich das auf dem Schirm habe, sind auch in Asien die religiösen Führer nicht unbedingt heilige, selbst die Devas sind ja in so manche üble Tat verstrickt (gewesen)

Zitat
Er übersieht dabei leider die ganz realen Gründe dafür. Die, die vom status quo profitieren, haben keinerlei Interesse daran, daß die Menschen wachsen. Weil sie dann nicht mehr so einfach beherrschbar wären. Die herrschenden Gedanken sind eben die Gedanken der Herrschenden.



Übersehen auf keinen Fall, er spricht das in Ecce Homo ganz deutlich an (der Staat). Diese Form der defizitären Herrschaft ist nur nichts, was dem Übermenschen nützt (s.o.).

Zitat
Was aber eben auch bedeutet, daß genau der status quo, den er kritisiert hat, auch DESWEGEN fortdauert. Und indem er nur zu den Wenigen sprach, mußte ihm das auch klar sein. Dann aber kann er sich nicht eben darüber beschweren.



Ich will meinen, dass dies Vorrecht Folge einer Entscheidung ist. Beschweren tut er sich also wenn über die Entscheidungen der Menschen, was sein gutes Recht ist. Er hat auch nie verlangt, massentauglich zu sein. Beschwerde über selektive Leser ist also wohl kaum vorhanden. Wenn man sich den Zarathustra anschaut, hat sich dieser Kontext auch eigentlich von selbst erklärt.

Nur ein Possenreißer glaubt, der Mensch könne übersprungen werden...


uɐɯ puıןq ɐ ɹɐǝɥ uɐɔ ǝuoou

Zitat von Me in Asshology
Omg, ich verwirre wieder dumme Menschen

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#5

RE: Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 31.10.2012 21:46
von Daelach | 1.211 Beiträge

Zitat
Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber die Moral manifestiert sich für mich letztlich nur in den Menschen. Eine Idealisierung der Moral als metaphysisch substanzielle Konstante oder Variable (wie mit den gesellschaftlichen Werten) würde ich daher strinkt ablehnen.



Worauf ich hinaus will, ist doch, daß das Christentum eine Moral für den mißratenen und schwachen Menschen ist, für den gescheiterten Menschen. Gerade dieser Menschenschlag kann nicht kulturschaffend wirken und auch keine Gesellschaft erschaffen. Stimmst Du darin soweit zu?

Nun gibt es andererseits aber unbestreitbar die christliche Gesellschaft. Wenn diese nicht von den o.g. Menschen erschaffen werden konnte, dann müssen es gerade die anderen gewesen sein, die eben sehr wohl kulturschaffend sein können. Also gerade die Herrenmenschen - welche diese Moral zwar den Sklaven zu Herrschzwecken propagieren, aber nicht selber leben. Was nicht heißt daß sie nicht durchaus auch ihrer eigenen Propaganda erliegen könnten, auch das kommt vor.

Ich sehe in diesen Leuten eine gewisse Parallele zu dem, was bei Crowley als "Schwarze Brüder" auftritt. Leute, die das Zeug hätten, sich über die unmittelbare Alltagswirklichkeit zu erheben, diese Mittel aber lediglich zu Ego-Zwecken eben dieses Alltags gebrauchen, die also die Mittel des großen Menschen nur für die Ziele des kleinen Menschen nutzen.

Zitat
Seinen Schriften zugrunde liegt die tiefgehende Erkenntnis, dass das Christentum verdirbt und krank macht, was der menschlichen Natur zuwider ist.



Ja, darin finde ich insbesondere den Antichristen wundervoll. Auf psychologischer Ebene hat er das enorm fein seziert, und zwar so gut, daß selbst in den Abschnitten, wo ein LaVey diese Gedanken übernimmt, zwar aus Nietzsches feinem Skalpell ein grobes Hackmesser wird, aber in der Sache immer noch stimmt.

Zitat
Nietzsches Übermensch, welcher aus dieser Natur heraus lebt, braucht gar keine christlichen "Machtmittelchen", um Übermensch zu sein. So ein Machtgebrauch oder Missbrauch würde den Übermenschen nur behindern.



Ohne Frage. Nietzsche schreibt aber auch im Antichristen (Kap. 3), daß dieser lediglich als glückliche Ausnahme auftritt. Das ist im status quo treffend analysiert, weil die Umstände sein Auftreten ja geradezu behindern. Nietzsche selber hat sein Werk ja nicht beenden können, aber ohne den Wahnsinn hätte er vielleicht auch nie das zustandegebracht, was er geschaffen hat - Genie und Wahn liegen ja nicht ganz grundlos oft dicht beieinander.

Deswegen ließ er sehr viel offen, und in diesem Zusammenhang insbesondere die Frage, wie man dieses Auftreten denn begünstigen könnte. Ja, in dieser Welt manifestieren sich Ausnahmen oft als Zufall. Das heißt aber nicht unbedingt, daß nicht mehr dahinterstecken könnte.

Zitat
Übersehen auf keinen Fall, er spricht das in Ecce Homo ganz deutlich an (der Staat). Diese Form der defizitären Herrschaft ist nur nichts, was dem Übermenschen nützt (s.o.).



OK, das hatte ich jetzt nicht mehr auf dem Schirm, thx. Dann ist das eigentliche Problem aber gar nichtmal die Sklavenmasse, sondern eher die "Schwarzen Brüder".

Zitat
Sofern ich mich recht entsinne, war es Olaf I. der Einigkeit in Norwegen schaffen wollte, ohne jedes Gebiet einzeln dazu motivieren zu müssen.



Richtig, denn es gab keinerlei Verwaltungsstruktur, ohne die ein Königreich aber zwangsweise in kleinere Fürstentümer zerfällt bzw. aus diesen nicht erschaffbar wird. Die Kirche bot genau diese Infrastruktur. Es war also gerade der Wille zur (weltlichen) Macht und nicht Sklavenmentalität, die die Könige dazu trieb, ihre gesamte Kultur zu vernichten. Was man ihnen vorwerfen kann, wäre nicht Schwäche im sklavischen Sinne, sondern Schwäche im Sinne der Priorisierung kurzfristigen Profites vor langfristigen Folgen. Nichts, was uns heute fremd wäre.

Zitat
Da wäre dann ein genauerer Blick auf das Kastensystem interessant, das ist im Grunde nämlich nichts anderes, als eine Eugenikagenda (die Hitler nebst dem Swastika und diversen Inhalten der Veden übrigens auch übernommen hat).



Ja, wenn auch sehr indirekt - die Wurzelrassentheorie kam ja über die Blavatsky zur Theosophie, von dort aus zur Ariosophie (v. List, Liebenfels & Co), und darüber kam Hitler damit in Berührung. Ich kann übrigens "Clarke / Goodrick: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus" sehr empfehlen, wenngleich es staubtrocken geschrieben ist, aber es ist halt eine eher wissenschaftliche Arbeit.

So.. ich wünsche für heute abend dann noch allseits einen Hauch durch die Tore.


~ a star is nothingness disguised as light ~

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#6

RE: Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 01.11.2012 11:26
von Xarvic | 533 Beiträge

Zitat
Worauf ich hinaus will, ist doch, daß das Christentum eine Moral für den mißratenen und schwachen Menschen ist, für den gescheiterten Menschen. Gerade dieser Menschenschlag kann nicht kulturschaffend wirken und auch keine Gesellschaft erschaffen. Stimmst Du darin soweit zu?



Ist mir noch zu simpel. Jeder Mensch kann scheitern, das macht noch längst keine Aussagen über seine Fähigkeit zu schaffen. Die christliche Gesellschaft brauchte ja auch nicht aus sich heraus schaffen, sie musste nur ihre perversen Dogmata in die bereits bestehenden Kulturen einpflanzen. Siehe "christliche" Feiertage, oder Stabskirchen. Ebenso in der Justiz, der gesellschaftlichen Sitte. Da wurde vieles gedreht und gewendet, aber nicht gänzlich neu geschaffen.

Wenn wir jetzt z.B. 100 Christen auf eine Insel aussetzen, dann wette ich mit dir, dass dort wieder eine Gesellschaft entstehen würde. Diese würden zwar stagnativ um ihren Götzen rumkriechen und, sogesehen nichts neues schaffen, aber es wäre wieder eine Kultur, die vorher nicht da war, insofern kulturschaffend. Muss man halt unterscheiden, ob das Kopieren des Bestehenden als Kulturschaffen zu nennen ist, oder nur das Neuschaffen kultureller Werte und Elemente. Nietzsches Übermensch vermag beides, jedoch ohne durch das Kopieren und Anlernen bestehender Werte und Ideen stagniert bzw. lobotomiert zu werden (vgl. Ecce Homo "das Lesen").

Deinen dualistischen Ansatz, "wenn nicht die einen, dann müssen es die anderen gewesen sein", teile ich weniger, denn wie ich oben schon schrieb, bedarf es gar nicht dieser Kategorien (des Schaffens und Geschaffen-werdens), um den Sachverhalt klar zu beleuchten.

Nun, ich denke das Phänomen der "Schwarzen Brüder" ist ganz simpel zu erklären. Ähnliches ist mir aus dem Bereich der Soziodynamik bekannt, wo Leute sich ein gewisses Skillset aneignen, bis sie 10/10 Game haben und dann nichts weiter damit anfangen, als ihre defizitäre Ausgangsposition immer weiter mit Reizüberflutung zu füttern, ein reines Ego-Spiel quasi. Dass es irgendwann mal Zeit wäre, an seinem Leben was zu ändern und man bei weitem nicht so viel Canned Material und Game braucht, wie diese Leute raushauen, muss denen wirklich erst noch gesagt werden.

Dazu fällt mir auch ein Zitat ein: "Es gibt Millionen von Menschen, die sich nach Unsterblichkeit sehnen - die aber nicht wissen, was sie an einem verregneten Sonntagnachmittag anfangen sollen." - Maurice Chevalier

Zitat
Das ist im status quo treffend analysiert, weil die Umstände sein Auftreten ja geradezu behindern.



Jein. Auf der einen Seite verhindert natürlich die ständige Desinformationsflut das Erkennen von Relevanz für das ungeübte Auge (bzw. Ohr), gleichzeitig wird jemand, der hinter diesen Schleier geschaut hat, geradezu genötigt, sich diesem ganzen Dreck zu entledigen. Will sagen: Wenn der Funke erst einmal übergesprungen ist, setzt sich ein Mechanismus in Gang, der unweigerlich in Richtung Übermensch arbeitet. Es gibt nach dieser Erkenntnis keinen Weg zurück in die Masse, man MUSS studieren, man MUSS kreieren, man MUSS leben und man MUSS überwinden. Wer diesen Prozess mal eingestellt hat, wird die Leiden des BEWUSSTEN Sterbens (im vgl. zum Christentum, dem unbewussten Sterben) kennen und ohnehin die Früchte, die eine 100%ige Durchsetzung dieses Pfades mit sich bringt. Insofern behindert der Status Quo zwar die geistige Entwicklung in etlichen Faktoren, sobald jemand aber vom Blitze geleckt und mit Wahnsinn geimpft wurde, gibt es kein Zurück mehr, kein Christentum und Dogmatismus der Welt wird so einen Menschen abhalten können, sich zu überwinden. Sofern dieser das will, natürlich, das ist eine kleine Einschränkung, denn es gibt sicher "Sehende", die sich einfach dafür entscheiden, lieber zu Tode zu siechen, anstatt sich zu bemühen. Aber das stellt in meinen Augen eben nur den mehr oder weniger kognitiv verstandenen Willen zu Sterben dar, als irgendeine (Un)Fähigkeit, zu lernen und zu überwinden.

Zitat
Deswegen ließ er sehr viel offen, und in diesem Zusammenhang insbesondere die Frage, wie man dieses Auftreten denn begünstigen könnte. Ja, in dieser Welt manifestieren sich Ausnahmen oft als Zufall. Das heißt aber nicht unbedingt, daß nicht mehr dahinterstecken könnte.



Naja, Ignoranz ist die Wurzel allen Leids, das Christentum predigt Ignoranz als Ideal ("Glaube") und mehr noch: Es ist nicht nur Ignoranz, die gepredigt wurde, es ist auch noch das Bewusstsein vor dem Hintergrund, dass man sich ob der Falschheit noch der Ignoranz schämen muss, denn es ist feige. Das wird natürlich so verpackt, dass man es übertrieben idealisiert, aber im Kern liegt dahinter die Gewissheit, etwas falsches zu tun, was man dann krass invertiert. Man könnte also erstmal tabula rasa machen und den Leuten offen darlegen, was Sache ist, aber ich wage zu behaupten, dass das nicht funktioniert (in den hunderten von Fällen, wo ich das probiert habe, haben die Leute Realitätsschock erlitten und es hat nicht gefruchtet). Es muss also auch schon ein Nährboden da sein, auf dem das Fruchten kann. Lies doch einfach Zarathustra, Nietzsche hat eigentlich zu dem Aspekt dort alles gesagt.

Zitat
Dann ist das eigentliche Problem aber gar nichtmal die Sklavenmasse, sondern eher die "Schwarzen Brüder".



Ich würde die mit zur Masse rechnen. Es sind Funktionäre der Masse, reflexiv wie direkt. Ob sie nun dazu dienen, die Masse zu kontrollieren und somit zu erhalten, oder ob sie in sich selbst noch Herde sind, macht da keinen großen Unterschied. Denn die Mentalität ist, was für mich zählt. Vgl. LHP/RHP, in beiden Richtungen kann man das gleiche tun, es ist nur eben eine andere Mentalität dahinter. Und genau diese Mentalität (die man als morphogenetisches Feld bezeichnen könnte), entscheidet mit, wie sich eine Handlung oder ein Sachverhalt letztlich entwickelt. Daher ist sowohl die Masse, als auch der "Schwarze Bruder" das Problem, oder je ein Problem für sich. Und das konkrete Problem ist ja die Abhängigkeit von solcherlei Menschen. Wäre die nicht gegeben, würden wir da wohl nur drüber witzeln.

Zitat
Was man ihnen vorwerfen kann, wäre nicht Schwäche im sklavischen Sinne, sondern Schwäche im Sinne der Priorisierung kurzfristigen Profites vor langfristigen Folgen. Nichts, was uns heute fremd wäre.



Korrekt, wobei ich sagen muss, dass bei heutigen Fällen (vgl. Neo-Liberalismus) durchaus schon vorher bekannt war, dass das ganze in die Grütze geht. Nicht unbedingt ein Widerspruch, aber sollte man im Hinterkopf behalten.


uɐɯ puıןq ɐ ɹɐǝɥ uɐɔ ǝuoou

Zitat von Me in Asshology
Omg, ich verwirre wieder dumme Menschen

zuletzt bearbeitet 01.11.2012 11:30 | nach oben springen

#7

RE: Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 19.11.2012 19:36
von Daelach | 1.211 Beiträge

Brabbel in die Brabbelecke verschoben.


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zuletzt bearbeitet 19.11.2012 20:08 | nach oben springen

#8

RE: Zu Nietzsche: Moral

in allgemeine, religiöse Themen 22.12.2014 15:55
von Hannibal | 17 Beiträge

Als Teenie war ich von Nietzsche begeistert. Jetzt empfinde ich ihn irgendwie pubertär...

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